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Isabel Hufschmidt (geb. 1982) woont en werkt als freelance kunsthistorica in Maastricht en Keulen, waar ze in 2009 promoveerde.
Er volgde de focus op reeds tijdens haar studie begonnen werkzaam-
heden in zowel het galerie- en tentoonstellingscircuit als het stichtings-
wezen, zoals verder onderzoek, publicaties en lezingen over heden-
daagse kunst alsmede beeldhouwkunst en industriële kunstproductie
van de 19e eeuw.
Een bijzonder zwaartepunt in haar wetenschappelijk werk vormen
bovendien de historische ontwikkelingen en de hedendaagse
mechanismes van de internationale kunstmarkt.

Lees hieronder de originele Duitse tekst van Dr. Isabel Hufschmidt.

We come in peace
Das Streben der Gotik zur Vertikalen als energetische Bewegung umfaßt nicht allein den immanenten Drang zur göttlichen Verehrung: Es ist das Ausgreifen des Menschen zum metaphysischen Raum, den er in seiner Imagination selbst bestimmt und mit Phantasmen des Un-Möglichen,
des „Sein-Können", belegt. Der exemplarische Raum der Vorstellungs-
kraft und Ausschweifung, der immer da war, immer sein wird, immer
gewesen sein wird und in der kollektiven kulturellen Erinnerung das Neue generiert.

So erweist sich die Chance der Kunst, aus der ihr eigenen Evolution das Zeitlose zu schöpfen. Chris Baaten treibt dies weit über die Vergangen-
heit hinaus und erweist dem Betrachter den Blick ins außertellurische
Futur II. Seine Werke spielen mit modularen Versatzstücken nicht allein gleichnishafter Qualität, sondern explizit formaler - demzufolge begegnet
man komplexen Gewandfaltungen gotischer Madonnen und der
dynamischen, rotierenden Bewegung barocker Propheten wie Heiliger in Ekstase.

Auf den ersten Blick scheinen die Objekte und Skulpturen
einer kulturellen wie evolutionären Verwirrung zu entstammen. Einerseits
sind es Kreaturen, genauer Hybriden disparater, unausgeglichener,
fragiler Körperanatomie und -substanz, variabel zusammengefügten Körpermaterials, deren Aussehen jedoch im Sinne eines „survival of the fittest" durchaus gerechtfertigt sei gemäß einer biologisch bedingten und somit optimierten Anpassung an externe Anforderungen. Andererseits begegnen uns fetischartige Wesen, in der Bewegung versteinert, „striking
a pose" in der selbstbewußten Demonstration ihres vitalen wie
energetischen Potentials und als Erinnerung an das zeitlos Inspirierende menschlicher Kultur. Fern von Balance, artikulierte Körperlichkeit, das Fragmentarische, der Charakter des objet trouvé, oder sogar eines archäologischen Fundus aus der Vergangenheit bzw. aus einer abgeschlossenen Zukunft - was möglich gewesen sein wird -, zurück-geschleudert in unsere Erinnerung - gleich einer Nike von Samothrake,
das Fragment einer zeitlosen Energie und künstlerischen Inspiration.

Die Plattform ihrer Pose ist gleichzeitig nicht nur Ausschnitt der formalen
wie kinetischen Transition, in der sie sich zweifellos befinden, sondern gleichsam Vehikel ihrer Dynamik. Mehr noch erfahren wir, und hier soll
ein Gedanke des Kunsthistorikers und -kritikers Herbert Read unserer Vorstellung zur Hilfe eilen, geradezu einen spielerischen wie verspielten Rhythmus im Wechsel von staccato, legato, scherzando, andante
maestoso1, und nicht zuletzt eines allegro vivace.

Baatens Werke sind der Phantasie und Idee der Möglichkeit des Lebens
und Überlebens durch die Kunst entsprungen. Denn auch wenn die Hand
des Künstlers zurücktritt, sind es keine aus dem Nichts erstandene
Wesen, keine Manifestationen einer willkürlichen Genese, sondern
Zeugnisse künstlerischer Vitalität fern von der Furcht vor der Erinnerung
und dem unbekannten Kommenden. Sie drängen in den Raum, sind
Spiegel emotionaler Effekte, die sie wiederum aufnehmen und aussenden.
Sie fordern die Gegenseitigkeit, die Fraternisierung mit uns, ein joviales
„You and Me". Ihre Farbigkeit ist Teil dieser emotionalen Kraft und
Kapazität, geradezu omnipotenter, ursprünglicher Kreativität.


Those primal sculptures

      They were infamous, nightmare sculptures even when telling of 
      age-old, bygone things


Formless protoplasm able to mock and reflect all forms and organs and
processes2


Durchaus weniger dramatisch und furchteinflößend als die visuellen Alp-träume in H.P. Lovecrafts „At the Mountains of Madness" und
dennoch dieser selbstbewußten Inspiration seelenverwandt, treten die
Werke Baatens dem Betrachter mit einer Vertrautheit, einer joie de vivre gegenüber, die ihn seiner kulturellen Vergangenheit, Herkunft, Erinnerung
und Neugier vergegenwärtigen, wenn auch ihre Absichten sowohl ambi-
valent erscheinen wie verborgen bleiben.
Und doch werfen sie uns entgegen:                         We come in peace


Annotationen:

1. Read, Herbert: 'The Art of Sculpture',
Pantheon Books, Washington 1954, p. 95.
2. Lovecraft, H.P.: At the Mountains of Madness, in: 'H.P. Lovecraft.
The Complete Fiction',
Barnes and Noble, New York 2008, pp. 723-806, p. 797.



 



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